Schattenseite der Strompreiszonen

Warum sie mehr Schaden als Nutzen bringen könnten kommentiert ESFORIN COO Christoph Gardlo in diesem Blog-Artikel.

Die Frage, ob Deutschland in eine oder mehrere Strompreiszonen aufgeteilt werden soll, ist in der Energiebranche sicher aktuell eine der meistdiskutierten. Unser COO Christoph Gardlo kommentiert die energiegeladene Gemengelade in unserem folgenden Blog-Artikel:

Aus unserer Sicht ist hier eine pragmatische Betrachtung der Sachlage und eine Abwägung der jeweiligen Vor- und Nachteile einer solch drastischen Reform am zielführendsten – schließlich sollte es nach einer Reform besser sein als vorher. In die Waagschale haben wir dabei insbesondere auch die Frage gelegt, ob diese Maßnahme in der aktuellen wirtschaftlichen Situation – post Corona, Wirtschaftskrise, Energiekrise – tatsächlich Erleichterung für alle Verbraucher schaffen kann/könnte. Um es vorwegzunehmen: Wir sind nicht der Meinung, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für die Teilung der deutschen Strompreiszone ist.

Strompreiszonen versprechen eine bessere Nutzung regionaler Erzeugungsleistung

Eine der Hauptbegründungen pro einer Einführung von Strompreiszonen liegt in der besseren Abbildung der regionalen Erzeugungsleistung in Verbindung mit Netzengpässen. In der Theorie sollte innerhalb einer Strompreiszone kein physischer Transportengpass vorhanden sein – nur dann macht eine Strompreiszone final Sinn. Regionale Strompreiszonen könnten die Nutzung von erneuerbaren Energien verbessern, da die Erzeugung von beispielsweise Wind- und Solarkraftanlagen innerhalb der jeweiligen Strompreiszone direkt genutzt werden und die preissenkende Wirkung der Erneuerbaren auf dem Börsenstrompreis den lokalen Verbrauch monetär anreizen würde. Angesichts des mangelnden Ausbaus von Netzkapazitäten und Speichermöglichkeiten könnte dies eine kurzfristige Lösung sein, um Engpässe zu minimieren. Strompreiszonen könnten aus diesem Blickwinkel betrachtet, die Effizienz und Wirtschaftlichkeit des Stromsystems insgesamt steigern.

Darüber hinaus könnte die Einführung von Strompreiszonen den Anreiz für den Ausbau erneuerbarer Energien in Regionen mit hohen Strompreisen weiter erhöhen. Auch hier läge der Anreiz des weiteren Ausbaus in der preissenken Wirkung Erneuerbarer auf den Strompreis, denn Regionen mit geringerem Erneuerbarenanteil in ihrer Erzeugung würden häufiger Hochpreisphasen erleben und sich, soweit die Hoffnung, bemühen, diese durch den weiteren Zubau erneuerbarer Erzeugungsanlagen zu verringern.

Diese Argumente und Annahmen sind aus unserer Sicht prinzipiell nachvollziehbar und in großen Teilen auch korrekt. Sie ignorieren jedoch die wirtschaftlichen Widrigkeiten, denen sich Deutschland aktuell ausgesetzt sieht, und den Zeitbedarf zur Umsetzung der Strompreiszonenteilung und Etablierung notwendiger flankierender Maßnahmen.

 

Die Schattenseiten der Strompreiszonen

Teilte man Deutschland in mehrere Strompreiszonen hätte der Norden mit seiner Windenergie ein deutlich geringeres Strompreisniveau als der Süden Deutschlands, der neben viel Industrielast auch viel PV Erzeugung bietet (Aurora Research geht von einem Plus von 5€/MWh (2030) im Süden Deutschlands aus). Was aber macht der Norden in Niedrigwindzeiten bzw. der Süden, wenn die Sonne nicht scheint? Viele der Gaskraftwerke, die Residuallast erbringen, stehen nicht im Norden Deutschlands. Flexibilität, Speicher und Elektrolyseure sollen den Ausgleich schaffen. Hier bedarf es jedoch zuvor eines erheblichen Ausbaus dieser Komplementärmaßnahmen. Dieser Ausbau muss finanziert werden, der Bau von Speichern und Elektrolyseuren braucht einen Business-Case, und dann kommen ehrbliche Anforderungen an Genehmigungen und die reine Bauzeitobendrauf. Dasselbe Problem hätte der Süden Deutschlands beim Ausbau einer PV-komplementären Infrastruktur.

Abgesehen davon würde die Schaffung von Strompreiszonen den nationalen Handel erschwerenDies könnte den Strombezug insbesondere für Industrieunternehmen erschweren und die Verbreitung und Akzeptanz von PPAs verkomplizieren. Die Industrie im Süden Deutschlands wäre damit noch belasteter als es die Industrie in Deutschland ohnehin ist – eine Umsiedlung vom Süden in den Norden Deutschlands scheint uns unwahrscheinlicher als eine gänzliche Abwanderung. Wenn ein neuer Standort auf der grünen Wiese entstehen soll, wird er vermutlich dort neu entstehen, wo die Produktionsbedingungen generell günstiger sind. Zumal nur das Vorhandensein grünen Stroms alleine nicht ausreicht. Die meisten Industrieprozesse haben zumindest einen Mindestgrundlastbedarf, der zu jeder Zeit gedeckt sein muss. Um die nötige Versorgungssicherheit zu gewährleisten sind Erneuerbare auf Speicher und flexible Residualerzeugung angewiesen. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, da es diese Anlagen noch nicht gibt. Der zeitlich langwierige Prozess, diese Maßnahmen auf einer wirtschaftlichen Basis zu etablieren, wäre, unserer Meinung nach, extrem destruktiv für die deutsche Wirtschaft.

Eine von vielen favorisierte Lösung für diesen Circulus vitiosus sind Industriesubventionen, wie beispielsweise der vorgeschlagene subventionierte Industriestrompreis. Die Volkswirtschaft springt hierbei für die Differenz des fixen Strompreises zum tatsächlichen Preis ein. Bei einer Strompreiszonentrennung in Deutschland würde der Süden und damit der Großteil der Profiteure des Industriestrompreises strukturell höhere Preise bezahlen müssen. Demnach würden die Kosten für die Einführung des Industriestrompreises steigen. Im Norden hingegen würde der Überschussstrom aus Windkraft nach wie vor nicht abtransportiert oder sinnvoll genutzt werden können, so dass es immer noch Entschädigungszahlungen für den Redispatch der Anlagen geben würde. Die Redispatchbedarfe im Süden würden ggf. „dank“ des höheren Preisniveaus etwas zurück gehen. Ob die Variante geteilter Strompreiszonen die Volkswirtschaft am Ende günstiger oder teurer kommt, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Hier bedarf es einer realistischen Schätzung unter Einbeziehung alles Implikationen.

Schließlich besteht die Gefahr, dass der Ausbau erneuerbarer Energien in „Niedrigpreiszonen“ stagniert, sobald die Anlagen nicht mehr umlagegefördert gebaut werden. Dies könnte zu einer verstärkten Selbstkannibalisierung führen und den Ausbau erneuerbarer Energien insgesamt behindern.

Unser Fazit: Das Netz ertüchtigen!

Wir sprechen uns in der derzeit ohnehin schon schwierigen wirtschaftlichen Situation aus vorgenannten Gründen gegen eine Teilung der Strompreiszone aus und plädieren dafür, das gesamte System weiter für ein erneuerbares System zu ertüchtigen, indem Speicher und Flexibilitäten ausgebaut werden. Wir brauchen außerdem eine Reform der Netzentgelte, wobei wir auch hier eher auf Solidarität setzen würden als auf eine weitere Verschärfung der Zonenpreisunterschiede, eine Beschleunigung bei Genehmigungsverfahren und Anreize für mehr Flexibilität im System. Weiterhin braucht ein auf Erneuerbaren basierendes Stromsystem eher ein europäisches „Think Big“ als den Zerfall in ein „Klein-Klein“.

Eines ist außerdem sicher, der Umbau der Stromerzeugungslandschaft in Deutschland – weg von einer fossilen hin zu einer erneuerbaren – steht und fällt mit der Flexibilisierung sowie dem Netzausbau. Maßnahmen wie der Ausbau von Speichern und die Erschließung aller technisch möglichen Flexibilitätsmaßnahmen können schnell helfen, das Stromnetz zu entlasten, aber ohne den weiteren Ausbau des Stromnetzes, auch des europäischen Verbundnetzes, wird der Umstieg auf überwiegend erneuerbare Erzeugung nicht zu vertretbaren Kosten gelingen. Die Kosten für den Netzausbau würden wir empfehlen solidarisch auf ganz Deutschland zu verteilen, wie auch die Kosten für Redispatch – das eine geht ohne das andere nicht.

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