In den letzten Jahren hat sich der europäische Gasmarkt aufgrund der Pandemie und des Ukraine-Kriegs stark verändert. Die Spotmärkte haben sich zwar entspannt, derzeit liegt der THE-Preis zwischen 35 bis 40 Euro / MWh (Stand 18.7), doch diese Ruhe könnte trügerisch sein. Gasfüllstände liegen in Frankreich bei 68,64% von 125,71TWh, in Italien bei 73,53% von 202,52TWh und in Deutschland bei 53,21% von 247,36TWh.
Wir beobachten täglich, wie sich Marktmechanismen und politische Rahmenbedingungen gegenseitig beeinflussen. Dabei stellt sich eine zentrale Frage: Sollten Großverbraucher sich derzeit mit Gas eindecken und was bedeuten die Gasfüllstände für die Versorgungssicherheit?
Gasspeicher als Marktteilnehmer oder Sicherheitsnetz?
Wenn Gasspeicher als Marktteilnehmer agieren, verdienen sie an der Arbitrage also dem Kauf von Gas zu günstigen Preisen und dem Verkauf bei höheren Preisen. Doch aktuell erfüllen sie diese Rolle kaum, denn sie haben aufgrund der derzeit geltenden Regulatorik immer noch einen Mindestfüllstand im Sinne der Versorgungssicherheit vorzuhalten, die marktunabhängig ist. Dieser Zielkonflikt wird besonders deutlich, wenn man sich die regulatorischen Vorgaben anschaut: Betreiber müssen Mindestfüllmengen erreichen, obwohl sie selbst kein Gas kaufen (dürfen), sondern nur die Infrastruktur bereitstellen. Die derzeit zu realisierenden Spreads führen in laufenden Speicherausschreibungen zu sehr wenig Nachfrage und somit auch nicht zu einer Füllung der Speicher.
Trügerische Ruhe auf dem Spotmarkt
Obwohl die Pipeline Lieferungen aus Russland unterbrochen sind, fließt trotzdem weiterhin russisches LNG nach Europa, etwa 15 bis 20 Prozent. Gleichzeitig drängt US-amerikanisches LNG auf den Markt. Doch was passiert, wenn die EU russisches LNG komplett verbietet? Oder wenn die Nachfrage in Asien anzieht? Schon kleinere geopolitische Spannungen, wie jüngst die Iran-Krise, haben die Preise kurzfristig auf 42 €/MWh steigen lassen. Der höhere LNG-Anteil macht die Preise zudem volatiler.
Industrie im Wandel
In diesem Spannungsfeld versucht die Industrie einen Beitrag zu Energiewende zu stemmen, in dem sie Erdgas strukturell durch Strom zu ersetzen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Netzanschlusskapazitäten und regulatorische Hürden entscheiden darüber, ob dieser Wandel gelingt. Gleichzeitig müssen wir uns auf längere Extrempreisphasen einstellen, etwa bei einem langen Winter und niedrigen Speicherfüllständen. LNG braucht rund 14 Tage, um physisch verfügbar zu sein. Das ist in einer Versorgungskrise eine Ewigkeit.
Fazit: Februar und März im Blick behalten
Die kommenden Monate sind entscheidend. Wer jetzt über seine Beschaffungsstrategie nachdenkt, kann sich gegen mögliche Preisspitzen absichern. Diese Preisspitzen traten in der Vergangenheit häufig gegen Ende des Winters auf – immer dann, wenn niedrige Speicherfüllstände auf eine Spätwinterkältewelle treffen, ist alles angerichtet für Extrempreise. Klar ist: Wir müssen den Zielkonflikt zwischen Markt und Versorgungssicherheit lösen. Speicher können nicht beides gleichzeitig leisten. Es ist Zeit für eine ehrliche Debatte und für klare Entscheidungen.