Eine Einordnung von Christoph Gardlo, COO von ESFORIN:
Die Merit Order steht regelmäßig in der Kritik. Spätestens seit der Energiekrise 2022 wird die Frage immer wieder aufgeworfen: Ist ein Marktdesign noch zeitgemäß, bei dem ein vergleichsweise kleiner Anteil teurer Gaskraftwerke den Strompreis für alle bestimmt? Oder verhindert gerade dieses Prinzip einen noch effizienteren und kostengünstigeren Strommarkt?
Die Diskussion ist verständlich. Hohe Strompreise belasten Industrie und Verbraucher gleichermaßen. Gleichzeitig verändert die Energiewende die Struktur unseres Stromsystems grundlegend. Erneuerbare Energien dominieren zunehmend die Erzeugung, Batteriespeicher wachsen rasant und Flexibilitäten werden immer wichtiger. Dennoch halte ich es für einen Fehler, die Merit Order zum Sündenbock zu machen. Wer die Ursachen hoher Strompreise verstehen will, muss tiefer schauen.
Was ist die Merit Order überhaupt?
Die Merit Order ist im Kern nichts anderes als ein marktwirtschaftliches Prinzip. Kraftwerke werden entsprechend ihrer kurzfristigen Erzeugungskosten sortiert. Die günstigsten Erzeuger, zum Beispiel Wind- und Solaranlagen, speisen zuerst ein, teurere Kraftwerke folgen. Das letzte noch benötigte Kraftwerk bestimmt den Marktpreis für alle.
Dieses Verfahren ist weder kompliziert noch spezifisch für den Strommarkt. Es entspricht dem grundlegenden volkswirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage. Ähnliche Mechanismen finden sich in praktisch allen Rohstoff- und Energiemärkten weltweit. Gerade deshalb hat sich die Merit Order über Jahrzehnte bewährt. Sie sorgt für eine effiziente Allokation von Ressourcen und schafft Investitionsanreize für neue Erzeugungskapazitäten.
Das eigentliche Problem liegt nicht im Marktdesign
Die Debatte wird häufig auf das Argument reduziert, dass Gaskraftwerke den Strompreis bestimmen und deshalb die Strompreise zu hoch seien. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Zum einen setzen Gaskraftwerke längst nicht in jeder Stunde den Preis. In vielen Stunden sind es Kohlekraftwerke, in Extremsituationen sogar Öl-Kraftwerke oder Importe aus Nachbarländern. Zum anderen macht Gas nur einen vergleichsweise begrenzten Anteil am deutschen Strommix aus, übernimmt aber eine entscheidende Rolle für die Versorgungssicherheit und Flexibilität des Systems.
Entscheidend ist vielmehr die Frage, wie der gesamte Erzeugungsmix aussieht. Länder wie Frankreich, Spanien oder die nordischen Staaten weisen niedrigere Strompreise auf, nicht weil sie eine andere Preisbildung nutzen, sondern weil ihre Erzeugungsstruktur anders aufgebaut ist. Kernenergie, Wasserkraft oder ein hoher Anteil erneuerbarer Energien senken dort die durchschnittlichen Produktionskosten. Die Ursache hoher Strompreise liegt also weniger im Marktmechanismus als in der Struktur des Systems selbst.
Warum Eingriffe in die Merit Order problematisch sein können
Immer wieder werden Alternativen diskutiert. Dazu gehören Obergrenzen für Gaspreise, staatlich definierte Referenzpreise oder sogenannte Pay-as-Bid-Systeme. Was auf den ersten Blick attraktiv klingt, erzeugt häufig neue Probleme. Die Erfahrung zeigt: Eingriffe in die Preisbildung beseitigen die Kosten nicht, sie verschieben sie lediglich. Wer den Großhandelspreis künstlich senkt, muss die entstehenden Differenzen an anderer Stelle finanzieren, beispielsweise über Umlagen, Steuern oder Netzgebühren. Die tatsächlichen Kosten der Stromerzeugung verschwinden nicht. Sie werden lediglich weniger transparent.
Hinzu kommt: Ein harmonisierter europäischer Strommarkt lebt von einheitlichen Regeln. Wenn einzelne Länder beginnen, eigene Preisbildungsmechanismen einzuführen, drohen Marktverzerrungen, Ineffizienzen und sinkende Investitionssicherheit.
Die Energiewende braucht mehr Flexibilität und nicht weniger Markt
Die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre lautet nicht: „Merit Order oder nicht Merit Order“. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie wir ein zunehmend erneuerbares Stromsystem stabil und effizient organisieren. Hier spielen Flexibilitäten eine zentrale Rolle:
- Batteriespeicher
- Demand-Side Management
- intelligente Stromnetze
- Smart Meter
- bidirektionales Laden von Elektrofahrzeugen
- sektorübergreifende Nutzung von Strom, Wärme und Mobilität
Insbesondere Batteriespeicher entwickeln sich derzeit mit enormer Geschwindigkeit. Sie können Preisspitzen abfedern, erneuerbare Überschüsse speichern und die Flexibilität im Energiesystem deutlich erhöhen. Gleichzeitig bleibt jedoch die Herausforderung längerer Dunkelflauten bestehen. Für mehrtägige oder gar mehrwöchige Phasen mit geringer Wind- und Solarproduktion werden auch künftig zusätzliche Absicherungsmechanismen benötigt.
Gerade deshalb wird die Diskussion künftig weniger um einzelne Technologien als um die optimale Kombination verschiedener Flexibilitätsoptionen geführt werden.
Warum Versorgungssicherheit weiterhin ihren Preis hat
Ein häufig übersehener Aspekt der Debatte betrifft die Finanzierung von Back-up-Kapazitäten. In einem Stromsystem mit hohem Anteil erneuerbarer Energien laufen flexible Kraftwerke immer seltener. Gleichzeitig müssen sie jederzeit verfügbar sein. Das führt zum sogenannten „Missing Money Problem“: Kraftwerke werden für die Versorgungssicherheit benötigt, erwirtschaften aber über den Strommarkt allein oft nicht genügend Erlöse, um wirtschaftlich zu sein.
Deshalb gewinnen Kapazitätsmärkte, Contracts for Difference (CfDs) und andere Investitionsmechanismen an Bedeutung. Sie ersetzen nicht die Merit Order, sondern ergänzen sie dort, wo reine Marktpreise Investitionen in Versorgungssicherheit nicht mehr ausreichend anreizen.
Fazit: Die Merit Order ist nicht das Problem
Die Diskussion über die Merit Order ist wichtig, weil sie zentrale Fragen der Energiewende berührt. Doch sie lenkt häufig von den eigentlichen Herausforderungen ab. Die Merit Order sorgt weiterhin für eine effiziente Preisbildung und eine transparente Allokation von Erzeugungskapazitäten. Hohe Strompreise resultieren nicht primär aus dem Marktdesign, sondern aus den strukturellen Rahmenbedingungen unseres Energiesystems: dem Erzeugungsmix, dem Ausbau der Netze, der Verfügbarkeit von Flexibilitäten und den politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre.
Wer Strompreise dauerhaft senken möchte, sollte daher nicht die Preisbildungsmechanik verändern, sondern die Ursachen adressieren:
- schnellere Netz- und Infrastrukturentwicklung
- Ausbau von Batteriespeicher
- stärkere Lastflexibilisierung
- Digitalisierung der Energiewirtschaft
- technologieoffene Investitionen in gesicherte Leistung
Die Energiewende braucht mehr Marktintegration, mehr Flexibilität und mehr Investitionen und eben nicht weniger Merit Order. Denn am Ende gilt: Ein effizienter Strommarkt entsteht nicht durch die Abschaffung von Preissignalen, sondern durch die richtigen Rahmenbedingungen, damit diese Signale wirken können.